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"Von Kunst und Kartoffeln" - Rede zur Einweihung einer Musikschule - 40 Jahre Musikschule Aaretal

„Von Kunst und Kartoffeln“ – Rede zur Einweihung einer Musikschule

Rede gehalten von Urs Frauchiger, ehemaliger Direktor Konservatorium Bern, anlässlich der Eröffnungsfeier der Musikschule Münsingen

Als im Jahre 1827, dem Todesjahr Beethovens, in der Würtembergischen Kammer die Unterbringung der Stuttgarter Kunstschule diskutiert wurde, rief ein Abgeordneter in breitestem Schwäbisch vom Rednerpult: „Mir brauchet koi Konscht, mir brauchet Krombiere!“, das heisst ins Deutsche übersetzt: „Wir brauchen keine Kunst, wir brauchen Kartoffeln!“.

Dieser Ausspruch hat den anonymen Hinterbänkler unsterblich gemacht und hat manchem Festredner bei Gelegenheiten wie der heutigen zu einem wirkungsvollen Anfang verholfen. Der Redner beschert sich und den Zuhörern mit dem Zitat gleich zwei Hochgenüsse: die Freude über die Dummheit, Engstirnigkeit und Rückständigkeit anderer und die Genugtuung über die eigene Aufgeschlossenheit und Fortschrittlichkeit, die Bestätigung, dass die Menschheit in den letzten 150 Jahren doch wieder gewaltig vorwärts gekommen sei. Ich muss Ihnen nun aber gestehen, dass ich diesen Ausruf eines vermutlich bäurischen Abgeordneten aus der Provinz völlig in Ordnung finde und ihn an seiner Stelle wohl auch getan hätte. Man muss sich nur die Mühe nehmen, sich in seine Haut und Situation zu versetzen. Unsere Verachtung der andern und unser Hochmut, die uns beide so wohltun, haben ihren Ursprung fast immer in der Unfähigkeit, den Mitmenschen verstehen zu können.

Doch da werde ich in meinem hochgemuten Gedankengang schon unterbrochen und abgelenkt. Ich bin ja eigentlich an dieses Rednerpult gebeten worden, um Ihnen darzulegen, wofür Musikschulen in unserer Gesellschaft gut sind, und ich mochte mir darüber hinaus anmassen, zu sagen, warum sie unabdingbar und lebensnotwendig sind. Und siehe, da hat uns der würtembergische kleine Politiker schon auf den ersten und vielleicht wichtigsten Punkt gestossen: Musikschulen können uns helfen, den Mitmenschen besser zu verstehen und mit ihm zu leben. Das ist doch wohl eine Grundvoraussetzung der Demokratie, und wir haben sie immer noch nicht in ausreichendem Masse gelernt, obwohl wir behaupten, die ältesten Demokraten der Welt zu sein. Es besteht auch herzlich wenig Hoffnung, dass wir es in dem unerbittlichen Konkurrenzkampf unserer Zeit noch lernen können. In der Musik haben wir, in einem etwas geschützteren und friedlicheren Rahmen, die Chance, es doch noch nachzuholen. Im Zusammenspiel mit andern können wir lernen, uns einzuordnen, ohne unsere Persönlichkeit aufzugeben, denn Persönlichkeit wird ja gerade erwartet und gefordert, wir lernen auch, uns unterzuordnen, ohne in Unterwürfigkeit oder Minderwertigkeitskomplexe zu verfallen, uns gegebenenfalls auch überzuordnen, ohne uns in Machtrausch und Selbstüberschätzung zu verlieren. Die Musik lehrt uns, in geschichtlichen Zusammenhängen zu denken, die Atmosphäre, den Geruch vergangener Epochen zu erspüren, ihre sozialen Gegebenheiten und Denksysteme zu begreifen. Wenn an Ihrer Schule gute Pädagogen wirken – und es besteht kein Grund zu zweifeln, dass dies der Fall ist -, werden sie die Schüler von der allerersten Unterrichtsstunde an für die Tatsache sensibilisieren, dass die Musik wie nichts anderes das Wesen einer Zeit und ihrer Menschen spiegelt, und dass sie nur gut wiedergeben kann, wer die Zeiten und ihre Menschen begreift und versteht. Sie werden die Schüler lehren, welche Formen, welche Klänge, welche Harmonien zu welcher Zeit und zu welchem Raum gehören, wie das jeweilige Empfinden für den Bewegungsablauf, den Rhythmus war, wie der Sinn für die Dynamik, die Affekte, für den dramaturgischen Aufbau, die Spannung und die Entspannung, die Impulse und das Ausschwingen der Impulse, die doch alle nichts anderes sind als Ausdruck des Lebensgefühls und des Selbstverständnisses einer Epoche. Wer dieses Gespür, dieses Wissen und diese Erkenntnis in sich nicht ausbildet und pflegt, der hat kein Recht, sich einen Demokraten zu nennen, weil er das ohne jenes nicht sein kann. So versteige ich mich zu der Behauptung, dass Demokratie ohne Musikschulen nicht möglich ist und dass es deshalb Pflicht und wohlverstandenes Interesse jeder Demokratie ist, Musikschulen zu unterhalten und nach Kräften zu fördern.

Nun brennt Ihnen vielleicht ein Einwand auf der Zunge: Wenn die Musik doch so eminente charakter- und gesellschaftsbildende Eigenschaften hat, warum sind dann die meisten Musiker so unausstehliche, eitle, selbstverliebte, egozentrische Gesellen? Das kann ich Ihnen leicht beantworten: weil wir alle noch nicht gute, noch nicht wirkliche Musiker sind, weil wir nicht viel mehr gelernt haben, als unsere Finger ein bisschen schneller und geschickter zu bewegen als andere und meistens annähernd die richtigen Töne zur richtigen Zeit zu treffen. Wir haben ein oder zwei Diplome erworben und uns, da unser Auskommen dadurch gesichert ist, damit begnügt. Daran sind wir vielleicht nicht einmal allein schuld; man hat von uns auch nichts anderes erwartet und verlangt. Man hat nämlich im Laufe des 19. Jahrhunderts, im Rausch der sogenannten Neuzeit, des technologischen Fortschritts, der schrankenlosen Kommunikation und Verfügbarkeit aller materiellen Werte dieses Planeten allmählich vergessen, was Musik eigentlich wäre, woher sie stammt, aus dem Religiösen nämlich, dem Leben mit und in Gott, aus dem Ethischen, der Sehnsucht nach einer geformten – nicht genormten -, in sich stimmigen Wertordnung und aus dem Politischen, der „Polis“, der vernünftigen und sinnerfüllten Gemeinschaft der Menschen. Man hatte Wichtigeres zu tun: Man musste Eisenbahnen bauen, die Dampfschiffe technisch so weit entwickeln, dass man damit weltweiten Handel treiben und die letzten noch zu vergebenden Kolonien erobern konnte, man musste riesige Fabriken gründen, Kapital anhäufen und die Gewinne optimieren. Die Musik überliess man den Höheren Töchtern, die nichts zu tun hatten, als im Salon Klavier zu spielen und darauf zu warten, geheiratet zu werden, und für die Sonn- und Feiertage – ein bisschen Spass und Erbauung konnte ja daneben nichts schaden – hatte man die Berufsmusiker. Die konnte man herumkommandieren, zur Hochzeit, zum Tanz, zum Gottesdienst aufspielen lassen, ein Gespenster- oder Schreckensöperchen aufführen lassen, das so wohlig-grauslig kitzelte und von den Geschäften ablenkte. Man bezahlte sie und war sie wieder los.

Und damit sind wir unversehens wieder bei unserem Abgeordneten von 1827 angelangt. Der hatte doch keine Ahnung, dass Musik das Leben verändern, gestalten, mit Sinn erfüllen kann. Von Schubert, der unbekannt im fernen Wien vor sich hin komponierte, hatte er nie etwas gehört, vielleicht hatte er eben in der Zeitung gelesen, dass in Wien ein tauber Spinner namens-Beethoven gestorben war, der Name Mozart sagte ihm gar nichts. Bestenfalls hörte er einmal, wenn er in Stuttgart Sitzung hatte, einen der öden reisenden Klaviervirtuosen, die Kozeluch, Lang, Hänsler, Czerny, Cramer, vielleicht spielte in seinem Nest draussen die Pfarrersfrau bei Einladungen die hohlen, gefühlstriefenden Salonstücke von Herz und Hünten. Es istverständlich, dass einer für solche Kunst nicht die Kastanien aus dem Feuer holen will und statt dessen lieber eigene Kartoffeln pflanzt. Vermutlich wäre es zwecklos gewesen,ihm erklären zu wollen, dass es noch andere Kunst gibt, ohne die auch die Kartoffeln nicht richtig gedeihen; vermutlich stosse ich sogar bei Ihnen auf Verwunderung, wenn nicht auf Ablehnung, wenn ich behaupte, dass nicht die dümmsten Bauern die grössten Kartoffeln haben, dass vielmehr grosse Kartoffeln nur dort gedeihen können, wo auch grosse Kunst gedeiht. Zwar liegt es mir fern, Ihnen aufschwatzen zu wollen, man müsse nur Musizieren und dann stehe alles zum Besten, aber auch wir singen ja im Kreise der Lieben manchmal noch das Liedlein vom Liedlein, das wir im duftigen Grase ruhend gesungen, „und alles war wieder gut“. Das ist ein letzter sentimentaler Ableger der subtilen und komplexen Einsichten in die grossen Zusammenhänge, die wir verloren haben. Die Naturvölker hatten sie und haben sie in einigen Reservaten noch, wenn sie mit Musik ihre Götzen und Götter dazu bewegen wollten, ihnen das richtige Wetter zu schicken. Wir wissen, dass es dann doch regnete wann es wollte, aber wir wissen nicht mehr, dass das Musizieren diese Menschen so befreite, so aus Ängsten, Verkrampfungen, Zweifeln und Krankheiten löste, dass sie imstande waren, den Unbilden der Witterung zu trotzen und Missernten zu überleben. Nicht umsonst hat die Musik in den grossen Kulturen eine zentrale Rolle gespielt. Die ältesten Belege über Musikunterricht stammen aus der V. Dynastie Ägyptens ums Jahr 2’500 vor Christus; aus China wissen wir, dass während der Dschouzeit um ein Jahrtausend vor Christus die Musikerziehung direkt dem Kaiser unterstellt war und dass der eigens für Musik einen Hofminister einsetzte. In Sparta, dem wohl zweckorientiertesten Staat Griechenlands, war der Musikunterricht für die freie Jugend bis zum 30. Altersjahr obligatorisch, in Athen forderte der grosse Gesetzgeber Solon eine gesetzlich festgelegte Pflege der Musik wegen ihres günstigen Einflusses auf das menschliche Gemüt, und im klassischen Griechenland nach den Perserkriegen war das Bildungsideal die Kalokagathie, die Verbindung von Schönem und Gutem. Im Mittelalter gehörte die Musik zusammen mit Grammatik, Rhetorik, Dialektik, Astronomie, Arithmetik und Geometrie zu den artes liberales, den sieben Künsten, deren ein freier Mann mächtig und würdig sein musste. Vielleicht fällt die wachsende Wertschätzung der Musik, die sich u.a. in den Gründungen neuer Musikschulen ausdrückt, nicht zufällig mit dem Wachsen der Einsicht zusammen, dass die Menschheit sich nicht zielstrebig höher entwickelt, sondern dass sie in ewigen Kreisen fortlaufend wieder in dieselben Fehler und Tugenden verfällt. Im Alten Rom z.B. war die Musik wenig angesehen. Sie beschränkte sich vorwiegend auf museale Pflege der Tradition, überliess sie einigen hochbezahlten Spezialisten, die prompt in leeres Virtuosentum abglitten und verwendete sie in Form von albernen Schlagern für die Werbung und die Ablenkung und Einschläferung des Volkes. Wir wissen, zu welcher politischen und kulturellen Katastrophe dies führte.

Kürzlich hat ein leitender Beamter im Zusammenhang mit einer Sachfrage erklärt, Musikschulen seien eine Modeerscheinung, die sich in 2 – 3 Jahren von selber erledige. Mich erschreckt nicht, dass bei uns – neben andern, aufgeschlossenen übrigens – Beamte von so beschränktem Horizont tätig sind, ich kann den Mann aus seiner Situation heraus so gut verstehen wie den würtembergischen Abgeordneten. Mich erschreckt, dass er vielleicht recht bekommt. Er wird recht bekommen, wenn die Musikschulen wirklich nur ein kulturpolitisches Feigenblatt sind, hinter dem wir unseren Eigennutz und unsere Gewinnsucht umso ungestörter fortsetzen.

Wir müssen hier und an allen anderen Musikschulen dafür sorgen, dass er nicht recht bekommt. Wir dürfen den Schülern nicht nur ein paar Stücklein beibringen, die sie an Sonn- und Feiertagen, bei Familientreffen und Schulanlässen widerwillig und lampenfiebrig abspulen. Wir müssen die Schüler lehren, besser noch erleben lassen, dass Musik ein Teil ihresLebens ist, dass sie damit alles, was unerlöst und unbewältigt in ihnen steckt, ausdrücken können, ihr Glück und ihr Leid, ihre Hoffnungen und Sorgen, all das, was wir Heutigen nicht mehr aus unsherausbringen oder höchstens noch in lächerlichen Selbsterfahrungs- und Selbstverwirklichungs-Weekends von geldgierigen Scharlatanen, dass wir in Musik fühlen aber auch denken können, dass Musik unser Bewusstsein tiefer und nachhaltiger erweitert als Alkohol und Drogen, dass Musik für alle da ist, nicht nur für die sogenannt „Musikalischen“. Es gibt keine unmusikalischen Schüler, es gibt nur manchmal unmusikalische Musiklehrer. Und die, die für die Gemeinschaft, für die „Polis“ verantwortlich sind, die Politiker, dürfen Musikschulen nicht nur im Hinblick auf die nächsten Wahlen in Lippenbekenntnissen unterstützen. Sie müssen wissen, dass eine Gemeinschaft nur dann besteht, wenn sie sich aus freien, mündigen Bürgern zusammensetzt, die der artes liberales mächtig sind. Dazu gehört die Musik nach wie vor, auch wenn die Schwerpunkte sich verschoben haben mögen. Haben sich die Schwerpunkte denn überhaupt so sehr verschoben? Wir Menschen schlagen uns im Alltag nicht mehr so häufig tot wie früher, wir fahren uns dafür auf den Autobahnen gegenseitig über den Haufen, wir machen geschäftlich einander fertig; wir beten und beichten nicht mehr, wir erledigen das auf dem Sofa der Psychiater; wir hüpfen nicht mehr um Totempfähle herum, wir schlucken Valium und Saridon und dann geht‘s auch wieder für eine Weile. Wir haben einen gut ausgebauten Gesundheitsdienst – aber sind wir gesund? Wir brauchen Krankenschwestern, nicht Musiklehrer, sagte der schon erwähnte Beamte.

Wir haben alles versucht, und nichts hat so recht angeschlagen. Sollten wir nicht wieder einmal versuchen, ob man mit Musiklehrern nicht Krankenschwestern einsparen kann? Ob ein Mensch, der mit Musik richtig atmen gelernt hat, Sinn für Spannung und Entspannung mitbekam, Sinn für den Rhythmus als gegliederte, nicht zerhackte Zeit, nicht auch weniger krank wird als einer, der sich mit einem Krimi am Fernsehen betäubt und dazu Whisky in sich hineinschüttet? Ob einer, der am Vorabend den klaren Gesetzen einer Bachfuge denkend und fühlend gefolgt ist, nicht auch die Probleme an seinem Arbeitsplatz überlegener und geschickter löst – und ein wenig menschlicher dazu? Es deutet einiges darauf hin, dass dem so wäre. Die Erfahrungen an ausländischen musischen Gymnasien lehren uns, dass Schüler, die täglich Musik machen und daher weniger Stunden in den sogenannten Hauptfächern unterrichtet werden, auch in diesen Hauptfächern besser abschliessen als ihre „normal“ ausgebildeten Kollegen. Gehirnphysiologische Untersuchungen zeigen, dass beim Musizieren Gehirnzellen aktiviert werden, die im Alltags- und Berufsleben verkümmern, aber durchaus auch dort von Nutzen wären. Organisten sind bessere Autofahrer, Sänger bessere Schwimmer und Langläufer, Pianisten lernen schneller Computer zu programmieren, es wird behauptet, Musiker verletzten sich bei Unfällen weniger häufig und weniger schwer als der Durchschnitt, und ich überlasse es Ihrer Fantasie, sich auszudenken, für wie vieles die bis in die Fingerspitzen ausgebildeten Hände eines Streichers gut sind.

Ja und die Kartoffeln? Fast hätten wir sie vergessen. Haben Sie noch nie davon gehört, dass Kühe mehr Milch geben, wenn man geeignete Musik in den Stall spielt? Und kaufen Sie nächstens zwei genau gleiche Philodendren. Stellen Sie sie in zwei verschiedene Zimmer. Begiessen und pflegen Sie beide genau gleich, aber dem einen singen oder spielen Sie jeden Tag etwas vor und sprechen noch etwas mit ihm wie mit einem Freund. Und dann schauen Sie, welcher besser gedeiht. „Aber bitte“, rufen Sie jetzt aus, „Sie wollen doch nicht behaupten, ein Bauer solle mit seiner Geige oder seiner Handorgel über die Äcker schreiten und den Kartoffelstauden etwas vorspielen“ Warum eigentlich nicht? Versuchenkönnte man es ja einmal. Teurer als Kunstdünger ist es nicht – und schöner ist es jedenfalls. Und wenn schon die Kartoffeln nicht besser gedeihen, würde vielleicht der Bauer besser gedeihen dabei.

Meine Damen und Herren, ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit, und ich danke Ihnen vor allem dafür, dass Sie mit Ihrer Musikschule etwas tun für das Gedeihen von Kunst und Kartoffeln.

Erschienen in: Urs Frauchiger, Was zum Teufel ist mit der Musik los? Zytglogge Verlag, 1982